1909 wurde das damals letzte hessische Schwarzstorchpaar in der Nähe von Battenberg/ Eder (Nordhessen) gesichtet. Der imposante Waldvogel war dann für viele Jahrzehnte aus Hessens Wäldern verschwunden. Erst im Jahr 1981 konnte im gleichen Naturraum wieder eine Brut beobachtet werden, was in Fachkreisen als Sensation galt. Ob sich daraus wieder eine hessische Schwarzstorchpopulation entwickeln würde, schien damals mehr als fraglich.
Gleichwohl unternahm die Hessische Landesforstverwaltung enorme Anstrengungen, um die Lebensbedingungen für den ausgesprochen scheuen Vogel zu verbessern: Altbäume wurden erhalten, Waldbäche renaturiert, Nahrungsteiche angelegt und die Strukturvielfalt in den Wäldern erhöht. In Einzelfällen baute man zur Bruthilfe in den Baumkronen auch Horstplattformen. Heute gehen Fachleute landesweit von einem Brutbestand von mehr als 80 Paaren aus. Hessen ist damit das Bundesland mit der größten Schwarzstorch-Population in Deutschland.

„Diese überaus positive Entwicklung in den beiden letzten Jahrzehnten“ so der Leiter des Landesbetriebs Hessen-Forst, Michael Gerst „steht exemplarisch für die Vereinbarkeit einer nachhaltigen und pfleglichen Waldwirtschaft mit den Zielen des Artenschutzes. Denn die Wälder, in denen er heute brütet, sind keine Urwälder, sondern Wirtschaftswälder. Unsere naturnahe Waldbewirtschaftung hat die erfolgreiche Wiederbesiedlung der hessischen Wälder durch den Schwarzstorch aktiv gefördert.“
Der Schwarzstorch steht damit auch für das Anliegen der Europäischen Kommission, nachhaltige Wirtschaftsweisen als Beitrag zu einer regionalen Entwicklung zu fördern, wenn diese geeignet sind, die Schutzziele von NATURA 2000 zu gewährleisten, betonte Karl-Winfried Seif, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz.,
Die Lebensraumansprüche des Schwarzstorches, seine Gefährdungen und geeignete Schutzmaßnahmen sind zusammen mit Informationen zu 65 weiteren waldbewohnenden Tier- und Pflanzenarten in der von Hessen-Forst jetzt herausgegebenen Merkblattsammlung „Natura 2000 praktisch“ dargestellt.
Die Idee entstand Ende 2005 bei einer gemeinsamen Exkursion der Landesbetriebsleitung mit dem Vorstand des NABU Hessen im Forstamt Frankenberg. Hieraus entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit Naturschutzexperten der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland, dem Hessischen Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz und Fachleuten des NABU- Landesverbandes Hessen.
Der vor allem für alle hessischen Revierförsterinnen und -förster erstellte Handordner wurde am 21. Juli 2006 in der Staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt durch Staatssekretär Karl Winfried Seif, den Leiter des Landesbetriebes, Michael Gerst und NABU - Geschäftsführer Hartmut Mai der öffentlichkeit vorgestellt. Er kann von allen Interessierten zusammen mit 4 Farbpostern in den Formaten DIN A3 und DIN A2 bei den 41 Hessischen Forstämtern oder direkt in der Zentrale von Hessen-Forst (Tel.:0561-3167-176) bestellt werden.
Mit dem Sammelordner „NATURA 2000 praktisch“ werden jetzt erstmals alle wichtigen und notwendigen Informationen gebündelt, die erforderlich sind, um die europaweit nach der Fauna Flora Habitat Richtlinie und der EU-Vogelschutzrichtlinie geschützten Arten des Waldes zu erhalten und in einem günstigen Erhaltungszustand zu bewahren, freut sich Staatssekretär Seif.
Neben Portraits der Arten, exakten Beschreibungen ihrer Habitate und möglichen Gefährdungen werden auch aktuelle Bestandszahlen und Verbreitungskarten dargestellt. Besonderes Augenmerk wurde auf konkrete Schutzmaßnahmen gerichtet, die das überleben der Tier- und Pflanzenarten in Hessens Wäldern ermöglichen sollen. Die Merkblätter richten sich daher nicht nur an die hessischen Förster, sondern an den gesamten Personenkreis, der den Wald nutzt und bewirtschaftet, ergänzt Seif.
Großer Wert wurde von den amtlichen und ehrenamtlichen Autoren darauf gelegt, dass die Maßnahmenempfehlungen auch konkret, mit einfachen Mitteln und geringem Aufwand umgesetzt werden können. Dies erleichtert die Akzeptanz bei den Praktikern, so Staatssekretär Seif. Gleichzeitig sind die Empfehlungen artspezifisch und streng auf die Bedürfnisse der Waldarten ausgerichtet.
Landesverbreitungskarte zum Artenstammblatt Schwarzstorch
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Hintergrund zu NATURA 2000 in Hessen:
Mit dem Schutzgebietsnetz NATURA 2000 hat die Europäische Union in ihren Mitgliedsstaaten ein umfassendes System zum Schutz der biologischen Vielfalt in Europa geschaffen. Mit 20 Prozent seiner Landesfläche hat das Bundesland Hessen daran einen nicht unerheblichen Anteil. Mehr als 600 sogenannte FFH-Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung und Vogelschutzgebiete mit einer Gesamtfläche von über 4.000 Quadratkilometern hat Hessen der Europäischen Kommission gemeldet. Das Land übernimmt hier die Verantwortung für die Erhaltung besonderer Lebensräume und für Habitate seltener Tierarten.
Der Schwerpunkt von NATURA 2000 in Hessen liegt im Wald. Zwei Drittel der gesamten hessischen Gebiete sind Waldflächen. Insbesondere die für Hessen charakteristischen Buchenwälder sind auch im europäischen Maßstab von Interesse: 750 Quadratkilometer Hainsimsen- Buchenwald und Waldmeister- Buchenwald vertreten das Land Hessen im europäischen Netz NATURA 2000.
Für den Landesbetrieb Hessen-Forst, der für fast 90 Prozent der hessischen Waldfläche verantwortlich ist, stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Ziel ist es den Lebensraum sowie Tier- und Pflanzenarten im Wald dauerhaft in einem günstigen Erhaltungszustand zu halten.
Dies erfolgt in erster Linie durch die Fortsetzung der nachhaltigen, naturnahen Waldbewirtschaftung, die seitens der EU-Kommission ausdrücklich begrüßt wird.*
Sie wird ergänzt durch ein Bündel von Maßnahmen, das sich durch besonderes Fachpersonal, durch enge Kooperation mit den Naturschutzbehörden und durch intensive Information der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszeichnet. Für den Schutz der NATURA 2000- Gebiete sowie der seltenen Tiere und Pflanzen ist die Kenntnis ihrer Lebensraumansprüche, ihres artspezifischen Verhaltens sowie ihrer Gefährdungsursachen von besonderer Bedeutung.
Im Blickpunkt stehen dabei die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Forstrevieren. Sie treffen täglich Entscheidungen, die sich unmittelbar auf geschützte Tiere und Pflanzen oder deren Lebensstätten auswirken können. Hier sollen umfassende Informationen größtmögliche Sicherheit sowohl für die Schutzgüter als auch für die Beschäftigten des Landesbetriebes schaffen.
Diesem Ziel dient der Sammelordner „Natura 2000 praktisch – Merkblätter für den Artenschutz im Wald“, der auf 55 Merkblättern 66 verschiedene Tier- und Pflanzenarten porträtiert, die in den hessischen Wäldern anzutreffen sind. Besonderes Augenmerk gilt dabei ihrer Verbreitung, ihren Lebensräumen, der Gefährdung und konkreten Empfehlungen zu ihrem Schutz.
* Das Europarecht verlangt von den Mitgliedstaaten, jede Verschlechterung des Zustandes der Gebiete zu vermeiden. Grundsätzlich wird anerkannt, dass viele der geschützten Lebensräume und Arten erst durch die verschiedenen Landnutzungsformen, d.h. durch die menschliche Kulturtätigkeit, entstanden sind und ihr Fortbestand auch zukünftig hiervon abhängt. Es geht also vielfach in erster Linie darum, in den Natura 2000-Gebieten diejenige Bodennutzung zu erhalten, die ihren schutzwürdigen Zustand begründet hat.
Hintergrund zum Schwarzstorch in Hessen
Der Schwarzstorch – Symbolvogel für erfolgreiche Zusammenarbeit von Forstwirtschaft und Naturschutz
Von den Germanen als heiliger Vogel Odins verehrt, in christlicher Zeit wegen seiner schwarzen Farbe verunglimpft und lange Zeit als Fischräuber verfolgt, hat der Schwarzstorch im letzten Vierteljahrhundert in einem heimlichen Siegeszug weite Teile seines ehemaligen Verbreitungsgebietes in West- und Mitteleuropa zurückerobert. „Wegbereiter“ war der Biber, der im östlichen Mitteleuropa durch seine Wasserbautätigkeiten ideale Nahrungsräume schaffte und so die Arealausbreitung des Schwarzstorchs nach Westen direkt förderte.
Entscheidend für die steigenden Bestandszahlen in Deutschland waren aber auch neue Naturschutz- und Artenschutzgesetze, die internationale Zusammenarbeit und vor allem der Wandel in der Forstwirtschaft hin zum naturnahen Waldbau.
Mit 80 Brutpaaren in den waldreichen Mittelgebirgslagen beherbergt Hessen im Flächenvergleich die meisten Schwarzstorch-Paare aller Bundesländer, bei einem Gesamtbestand in Deutschland von 420 Brutpaaren.
Die Schwarzstörche bevorzugen zum Anlegen ihrer riesigen Nester alte und großkronige Bäume in ruhigen, ausgedehnten Laubwäldern. Vor allem während der Brutzeit sind Störungen im Horstumfeld zu vermeiden, damit die sensiblen Waldstörche ihren Nachwuchs nicht aufgeben.
Als Anhang I - Art der Europäischen Vogelschutzrichtlinie hat der Schwarzstorch „Anspruch“ auf besonderen Schutz. Mit der Ausweisung großer EU-Vogelschutzgebiete in Vogelsberg, Rhön, Knüll, Kellerwald und Rothaargebirge liegt die Mehrzahl der hessischen Brutvorkommen des Schwarzstorchs in der Natura-2000-Kulisse, dem Europäischen Netzwerk von Schutzgebieten zum Erhalt unseres gemeinsamen Naturerbes.
Dass der Schwarzstorch in unseren naturnah bewirtschafteten Wäldern leben kann, hat er bewiesen. Dass Schutz durch Nutzung erfolgreich möglich ist, zeigt die Kooperation von Hessen-Forst und Naturschutz. Sie begann mit gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen, mit dem Aufbau eines Netzes von Horstbetreuern (Revierförster und Vogelschutzbeauftragte), die gemeinsam für die überwachung ihres Revierpaares sorgen und Schutzmaßnahmen in Abstimmung zwischen Waldbesitzern, Forstämtern und der Vogelschutzwarte durchführen.
Als „Flaggschiff-Art“ hat der Schwarzstorch eine ganze Reihe anderer schützenwerter Arten in seinem Schlepptau, die alle alte Wälder mit ungestörten Brutplätzen und Fortpflanzungsstätten benötigen: Greifvögel, Spechte, Eulen und Fledermäuse. Wenn wir an den Waldboden gehen und die Nahrungshabitate für Schwarzstörche erhalten oder optimieren, profitieren auch Biber, Eisvogel, Amphibien und Libellen gleichermaßen vom Engagement für den schwarzen Storch.
So setzt Hessen-Forst mit seinen Partnern das Natura 2000-Programm praktisch um, ganz im Sinne seiner Unternehmens-Philosophie: Verpflichtung für Generationen.
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