Abgestorbene Fichten? Warum wir tote Käferbäume stehen lassen

10.06.2020

Vielerorts zeigen sich momentan im Forstamt Schlüchtern immer wieder „rote“ Fichtenkronen im Wald. Diese Nadelbäume sind in den meisten Fällen abgestorben. Entweder wurden sie Opfer der vorangegangenen Hitzesommern oder durch den Buchdrucker (ein auf Fichte spezialisierter Käfer) geschädigt, was in Kombination zum Absterben geführt hat.

Abgestorbene „braune“ Fichten inmitten von noch intakten „grünen“ Baumkronen.

Aufmerksame Waldbesucher stellen sich natürlich nun die Frage warum diese Bäume nicht gefällt und aus dem Wald geschafft werden.
An dieser Stelle müssen wir etwas genauer hinschauen und den Absterbeprozess der Fichte durch Käfer und Dürre detaillierter unter die Lupe nehmen.

Betrachtet man diese Fichten mit ihren „roten Nadeln“ kann man erkennen, dass in diesen Bäumen nur noch wenig bis gar kein Leben mehr herrscht. Die Krone ist vollkommen braun/rot und weißt keine grünen Nadeln (wie bei einer gesunden Fichte) mehr auf. Auch die Rinde/Borke des Baumes fällt in großen Placken vom Holzstamm ab. Schnappt man sich die einzelnen Rindenteile kann man unzählige kleine Fraßgänge erkennen. Diese wurden vom Buchdrucker, einem ungefähr stecknadelkopfgroßen Käfer und seinen Larven gefressen. Während des Fraßvorgangs zerstören diese Insekten die „Wasserleitungsbahnen“ (das sogenannte Kambium) der Fichten. Es kommt langsam aber sicher zu Vertrocknung der Bäume.
Natürliche Verteidigungsmechanismen der Fichten gibt es. Normalerweise versucht der Baum seine Fraßfeinde, die sich von außen durch die Rinde einbohren, mit seinem Harz zu ertränken. Das klappt unter normalen Umstände auch ganz gut. Nur leider haben die letzten beiden Hitzesommer und die geringen Niederschläge der letzten zwei Jahre die Fichten, aber auch andere Bäume so sehr geschwächt, dass sie sich nicht mehr, hier im Fall der Fichte, gegen die Flut an Buchdruckern wehren können. Gleichzeitig bieten die geschwächten Bäume und die mollig warmen Temperaturen ideale Bedingungen für eine Massenvermehrung der kleinen gefräßigen Käferchen – ein Teufelskreislauf entsteht.

Forstwirt beim Fällvorgang einer Fichte.

Kann dieser Teufelskreislauf durchbrochen werden? Vielleicht durch uns Menschen?
In diesen Zeiten brummen die Holzerntemaschinen und die Motorsägen unserer Forstwirte und Forstwirtschaftsmeister auf Hochtouren. So schnell wie irgend Möglich versuchen wir befallene Bäume umzusägen, aufzuarbeiten und sie aus dem Wald ins Sägewerk zu schaffen. So soll verhindert werden, dass sich neue Käfer entwicklen und somit weitere Schäden anrichten können.

Unser Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den „grünen Fichten“, die noch gesund erscheinen. Wir kontrollieren diese auf Sicht mit Fernglas und Sprühdose um sie schnell wieder zu finden und fällen zu können. Kritierien für einen durch den Buchdrucker befallenen Baum sind dabei ganz kleine Einbohrlöcher, die sich am ganzen Stamm verteilen können. Bei diesem „Bohrvorgang“ bilden sich kleine Harztröpfchen und Harzränder rund um die Löcher, die gerade bei Sonnenschein gut vom Boden aus zu erkennen sind. Weiter lässt sich jede Menge feines, braunes Bohrmehl, was aus den Löchern fällt, am Stammfuß des Baumes finden. Hierbei sind oft die Fichten befallen, die sich am Waldrand oder in aufgerissenen Löchern im Wald finden, da dort eine erhöhte Sonneneinstrahlung vorherrscht.

Doch zurück zu der eigentlichen Fragestellung bezüglich der trockenen „Fichtengerippen“. Eine Waldschutzgefahr geht von diesen Fichten nicht mehr aus, da der Käfer dort keine Möglichkeiten mehr findet seine Eier abzulegen und seine Nachkommen zu versorgen. Gleichzeitig entwertet das Holz dieser Bäume sehr schnell. Es verfärbt sich, Pilze siedeln sich an, Trockenrisse verursachen Spannungen im Holz und andere Insekten fangen an tiefergehende Fraßgänge ins Holz zu fressen. Somit ist die Verwertung für die Sägeindustrie sehr stark eingeschränkt.
Da dieses Problem nicht nur im Forstamt Schlüchtern auftritt, sondern auch in anderen Wäldern in ganz Deutschland, sind unsere Holzsägewerke mit Holzstämmen sehr gut versorgt. Das große Überangebot kann nur schwer wahrgenommen werden, da die Sägewerke ihren Lagerkapazitäten oft schon komplett ausgeschöpft haben. Natürlich herrscht auch im Wald das Gesetz über Angebot und Nachfrage. Viel Holz auf dem Markt bedeuten geringe Verkaufserlöse. Gleichzeitig müssen aber die Holzernteunternehmer für die Fällung der Bäume bezahlt werden. Eine schwierige Situation ergibt sich.
Eine Lösung bietet sich an indem wir die alten, trockenen Fichten stehen lassen und sie nur da entfernen wo sie aus Gründen der Verkehrssicherung oder anderen wichtigen Gründe eine Gefahr darstellen.

Buntspechtpärchen in einer toten Fichte.

Aber wo Tod ist, ist auch Leben. Aus der Sicht des Naturschutzes bieten diese vielen abgestorbenen Bäume jede Menge Nahrung und Wohnraum für viele Lebewesen. Einige Spechte haben an diesem stehenden Totholz auf ihrer Nahrungssuche einiges zu picken. Auch Spinnentiere und andere Insekten finden am Stamm Nahrung. Die großen Rindentaschen, die lose an den Stämmen hängen, bieten für Fledermäuse eine nette Bleibe.
Totholz im Wald speichert aber auch Wasser und gibt es über einen längeren Zeitraum langsam wieder in den Boden ab, eine Schwammfuntkion entsteht. Die stehenden Fichten tragen trotz ihres Ablebens noch zur Windberuhigung bei und bieten zusätzlich einen geringen Sonnenschutz durch ihren Schattwurf.

Die momentane Situation für unseren Wald ist eine sehr schwierige. Nicht nur die Fichte hat sehr große Probleme mit den aktuellen Verhältnissen. Auch Buche, Esche oder Kiefer kämpfen schon länger mit den extremen Wetterlagen.
Wir vom Forstamt Schlüchtern versuchen diese Probleme so klein wie möglich zu halten. Zusammen mit unserem Team stehen wir das ganze Jahr über mit vollem Einsatz im Wald und versuchen die Schäden zu minimieren. Falls Sie Fragen zu aktuellen Waldschäden haben oder sich einfach nur für Ihren Wald vor Ort interessieren, dann können Sie sich gerne melden unter den entsprechenden Ansprechpartnern, die auf unserer Startseite des Forstamtes Schlüchtern aufgeführt sind.

Ihr Team des Forstamtes Schlüchtern