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Pressemitteilung vom 06.12.2017

Wirtschaftswald – ein Refugium seltener Pilzarten?

Raritäten zeigen sich in voller Pracht

Im Lahn-Dill-Bergland zeigt sich die Biodiversität in spektakulären Farben und Formen: Zahlreiche seltene Pilzarten wachsen hier im Wald besonders gut. Dr. Matthias Theiß Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, hat sie kartiert und ihre Vielfalt fotografisch festgehalten. Den Forstleuten helfen die Erkenntnisse bei der Umsetzung ihres forstlichen Naturschutzkonzeptes.

Kuriositäten im Wald – maßvolle und nachhaltige Forstwirtschaft fördert ihre Habitate (Foto: M. Theiß)

Kuriositäten im Wald – maßvolle und nachhaltige Forstwirtschaft fördert ihre Habitate (Foto: M. Theiß)

Pilze sind ausgesprochen wählerisch – sie wachsen bei weitem nicht überall. Vier wesentliche, gerade für die Fruktifikation seltener Pilzarten besonders wichtige Standortmerkmale zeichnen das 10 ha große Gebiet aus, in dem der Pilzexperte die seltenen Arten kartieren konnte: Die wärmebegünstigte, südwestexponierte Steilhanglage, das basisch verwitternde Grundgestein (Diabas und sandiger Lehm), die überwiegend sehr nährstoffarmen Böden und der hohe Anteil alter Bäume.

Maßvolle und nachhaltige Forstwirtschaft hat vielfältige Habitate gefördert
Die langjährige, schonende Bewirtschaftung des Standorts hat dort ein kleinräumiges Mosaik ganz unterschiedlicher Habitate entstehen lassen, die einer Vielzahl von Pilzen – darunter auch etlichen sehr seltenen und geschützten Arten – einen Lebensraum bieten. „Ideale Standortbedingungen und eine über viele Jahrzehnte maßvolle und nachhaltige Forstwirtschaft haben im westlichen Lahn-Dill-Bergland im Bereich des Forstamt Biedenkopf einen besonderen Wald entstehen lassen, der bezüglich seines Artenreichtums und der Qualität seines Pilzvorkommens aus der Masse der umliegenden Waldflächen weit heraus ragt“, erläutert Theiß das außerordentliche Vorkommen, „es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, bezüglich der hier vorkommenden Pilze von einem Biodiversitäts-Hotspot zu sprechen“. Hilfreich ist hier auch die gute Zusammenarbeit mit dem Forstamt Biedenkopf und dem zuständigen Förster Achim Bösser.

Bäume und Pilze helfen sich gegenseitig
An extrem nährstoffarmen Stellen sind die Bäume auf Pilze als Partner in besonderem Maße angewiesen. Bei Mangel an Nährstoffen sind sie gezwungen, mit bestimmten Pilzarten eine Lebensgemeinschaft (Symbiose) einzugehen, die man als „Pilzwurzel“ (Mykorrhiza) bezeichnet. Hierbei umwächst das Pilzgeflecht die Baumwurzel und ermöglicht dem Baum so eine höhere Aufnahme von Mineralien und Wasser aus dem Boden. Der Pilz erhält im Gegenzug Zuckerstoffe vom Baum, die er selbst nicht synthetisieren kann.
Viele seltene Pilzarten sind deshalb selten, weil sie nur auf extrem nährstoffarmen Böden wachsen können, wo die Bäume sie zwingend brauchen. Aufgrund der Stickstoffanreicherung im Boden durch die Umweltverschmutzung sind deshalb auch hauptsächlich Pilzarten in ihrer Existenz bedroht, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind.

Pilzexperten entdecken immer wieder neue Arten
Seit Theiß vor etlichen Jahren an verschiedenen Stellen im Bereich des Forstamtes Biedenkopf seltene Pilze gefunden hat, wurde der betroffene Wald von ihm sowie anderen namhaften Pilzsachverständigen regelmäßig kartiert. Insgesamt konnten bisher über 500 verschiedene Pilzarten nachgewiesen werden. Mehrere Dutzend von ihnen sind auf der Roten Liste der Gefährdeten Pilze Deutschlands verzeichnet in den Kategorien „vom Aussterben bedroht“, „(stark) gefährdet“ bzw. „sehr selten“ (z.B. der Königsröhrling - Butyriboletus regius). Hieran wird deutlich, dass der ökologische Wert dieses Waldes sehr hoch ist.
Ein Münchener Experte für Korallenpilze hat sogar eine Pilzart gefunden, bei der bisher noch nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie vielleicht völlig neu und wissenschaftlich noch gar nicht beschrieben ist. Die genetischen Analysen zu diesem Fund stehen noch aus. Theiß geht davon aus, dass zu den bisher nachgewiesenen über 500 Arten sicher noch einmal dieselbe Zahl weiterer, bisher nicht kartierter Arten hinzukommen dürfte: „Unter diesen werden dann auch weitere seltene Arten sein, deren Vorkommen durch einen Mangel an verfügbarer Expertise bisher schlicht noch nicht erkannt worden sind“.

Spektakuläre Artenvielfalt – ihre Förderung gehört ebenso zu den Aufgaben von HessenForst wie die Holzproduktion (Foto: M. Theiß)

Spektakuläre Artenvielfalt – ihre Förderung gehört ebenso zu den Aufgaben von HessenForst wie die Holzproduktion (Foto: M. Theiß)

Was sagen die Förster dazu?
Als Landesbetrieb hat HessenForst den Auftrag, den hessischen Staatswald nachhaltig und naturnah zu bewirtschaften. Die Holzproduktion gehört hierzu genauso wie u.a. die Förderung seltener Tier- und Pflanzenarten.
Um die Wald-Naturschutzziele möglichst wirksam umzusetzen, verfolgen die Forstleute einen integrierten Ansatz: Bei jeder Maßnahme wird überlegt, inwieweit auf spezielle Aspekte des Naturschutzes Rücksicht genommen werden sollte. In jedem regulär bewirtschafteten Bestand wählen die Förster darüber hinaus besonders geeignete Habitatbäume aus, die sich selbst überlassen werden – Horst- und Höhlenbäume werden besonders geschont.

Naturschutzmaßnahmen dort, wo besonders hohe Wirkung zu erwarten ist
Ergänzend zu diesen, in die reguläre Waldbewirtschaftung integrierten Maßnahmen haben die Forstleute zahlreiche Waldflächen stillgelegt. Diese hessenweit insgesamt 25.500 ha werden künftig nicht mehr bewirtschaftet. HessenForst hat diese Flächen gezielt dort ausgewählt, wo sich Hotspots der Artenvielfalt befinden oder gut entwickeln können. Ziel dabei ist es, mit einem überschaubaren Maß stillgelegter Flächen ein Maximum an Wirkung für den Naturschutz zu erzielen.

Zusammenarbeit mit Experten wertvoll
In diesem Zusammenhang schätzt HessenForst – in diesem Fall das Forstamt Biedenkopf – die Zusammenarbeit mit Pilzexperten wie Dr. Theiß sehr. Das Expertenwissen ist für die Forstleute hilfreich, um die Naturschutzziele im Wald bestmöglich umzusetzen. Denn nur, wenn geeignete Standorte sowie das Vorkommen seltener Arten bekannt sind, kann die Biodiversität effektiv gefördert werden.


Hintergrund für die Fachmedien:
Dominiert wird der untersuchte Wald durch die Buche, wobei deutlich mehr als die Hälfte der Buchen bereits ein Alter von 180 - 200 Jahren erreicht haben. Hinzu kommen Eichen, Hainbuchen, Kiefern, Lärchen sowie einzelne Fichten und auch drei alte Weißtannen. An Stellen, an denen früher alte Bäume entnommen wurden, sieht man jetzt einen dichten Buchenjungwuchs in Form einer Naturverjüngung. Hier findet sich häufig eine dicke Auflage von abgefallenen Blättern und Humus, die einen idealen Lebensraum bietet für Pilze, die Streu zersetzen und von toter organischer Substanz leben (Saprobionten).

Demgegenüber bestehen insbesondere an den steileren Hängen Areale, auf denen ein reiner Hochwald stockt. Unter den alten Bäumen kommt oft der nackte Erdboden zum Vorschein, manchmal nur bedeckt mit Flechten. An solchen extrem nährstoffarmen Stellen sind die Bäume auf Pilze als Partner in besonderem Maße angewiesen.

Neben Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit trifft man bei einer Exkursion in dem beschriebenen Wald sowohl Stellen an, an denen der Boden oberflächlich versauert ist, was beispielsweise durch das Wachstum von Heidelbeeren angezeigt wird, als auch stark basische Bereiche, in denen Orchideen gedeihen. Die Artenvielfalt der Pilze in diesem Wald ist auch dadurch bedingt, dass sowohl Säure liebende (acidophile) als auch Basen liebende (basophile) Pilze vorkommen können.

Durch das Vorkommen seltener und besonderer Pilzarten ist das beschriebene Waldstück inzwischen zu einem Anziehungspunkt für Pilzexperten aus ganz Deutschland geworden. Insbesondere anerkannte Spezialisten für bestimmte Pilzgattungen reisen von weit her an, um diesen Wald gezeigt zu bekommen und evtl. dort seltene Pilze ihres Spezialgebiets zu finden.

Literatur:

  • Bundesamt für Naturschutz (2016): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands
  • Band 8: Pilze (Teil 1) – Großpilze, BfN Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsverlag GmbH, Münster